Der Raub des Staatsschatzes

Der sicherste Ort in Luzern

Luzern, 1758. Die Goldene Zeit der Republik neigte sich ihrem Herbst zu. Kriege und Missernten in Europa hatten dazu geführt, dass die Soldverträge, von denen die Stadt lebte, nur schleppend bezahlt wurden. Umso wichtiger war der Staatsschatz, das Herz der Republik Luzern.

Er lagerte am denkbar sichersten Ort: im oberen Gemach des Wasserturms. Umflossen vom Wasser der Reuss und einzig erreichbar über die Kapellbrücke oder per Boot.


Kapellbrücke und Wasserturm um 1833, Lithographie von Charles-Rodolphe Weibel-Comtesse, koloriert
Kapellbrücke, Wasserturm um 1833, Lithographie von Charles-Rodolphe Weibel-Comtesse, koloriert


Das Loch im Dachboden

Doch kein Schloss ist sicher vor denen, die den Schlüssel tragen. Es begann Jahre zuvor, eine Idee, ausgeheckt vom Kaplan Beat Spengler, damals noch Student. Zusammen mit seinem Kommilitonen Ludwig Ales und dem Stadtbediensteten Josef Anton Stalder, der die Schlüssel zum Turm verwahrte, schmiedeten sie den Plan.

Vom Dachboden aus liessen sie sich mit einem Seil in die Schatzkammer hinab. Sie bohrten Löcher in die eisenbeschlagenen Truhen, entnahmen Gold- und Silbermünzen und füllten die Säcke raffiniert mit Sand und Steinen auf, bis das Gewicht exakt stimmte. Gelegentliche Kontrollen, bei denen man sich damit begnügte, die Truhen zu wiegen, statt ihren Inhalt zu prüfen, fielen auf den Schwindel herein.



Wasserturm Luzern, Skizze, Staatsarchiv Luzern
https://query-staatsarchiv.lu.ch/bild.aspx?VEID=744243&DEID=10



Die folgenschwere Anleihe

Jahrelang blieb der Raub unentdeckt. Der Diebstahl wurde zur Routine. Stalder weihte den neuen Stadtknecht Frölin ein, und bald war ein ganzes Netz aus Mitwissern beteiligt: Stalders Frau Maria und seine Tochter Veronika, Frölins Frau Anna Maria Breitenmoser und deren Bruder Alois, Stalders Magd Elisabeth Bachmann und ein Mann namens Nicolaus Schumacher.

Der Betrug kam erst ans Licht, als der Deutschritterorden um eine Anleihe von 100'000 Florin bat. Der Grosse Rat stimmte am 1. Dezember 1758 zu.


Sand statt Gulden

Tags darauf, am 2. Dezember, öffneten die Ratsherren die Schatzkammer im Turm, um das Darlehen bereitzustellen. Die Stille im Gewölbe wich blankem Entsetzen. Als sie die Münzen für die Anleihe zählen wollten, fanden sie Säcke voller Steine und Sand. Es fehlten 50'000 Gulden – nach heutigem Wert ein Vermögen von mehreren Millionen Schweizer Franken.


Die Jagd

Der Rat von Luzern reagierte mit aller Härte. Eine Fahndung wurde eingeleitet. Der Verdacht fiel schnell auf die eigenen Bediensteten. Josef Anton Stalder wurde verhaftet, als er gerade versuchte zu fliehen. Stadtknecht Frölin jedoch entkam zunächst.

Auch die beiden Geistlichen, Spengler und Ales, flohen über den Bodensee. Stalders Magd, Elisabeth Bachmann, setzte sich nach Mailand ab, sobald sie von der Verhaftung ihres Meisters hörte. Alois Breitenmoser war ebenfalls verschwunden.

Durch Verhöre, mit und ohne Folter, wurde das gesamte Ausmass der Verschwörung aufgedeckt. Frölin wurde schliesslich in Hessen unter Soldaten aufgespürt und nach Luzern zurückgebracht.


Der Preis des Verrats

Die Urteile im Frühjahr 1759 waren erbarmungslos und sollten der Abschreckung dienen.

  • Josef Anton Stalder, der Rädelsführer und Bürger der Stadt, wurde grausam bestraft: Ihm wurde die rechte Hand abgeschlagen, er wurde an einem Pfahl erwürgt und sein Leichnam gevierteilt und auf das Rad geflochten. 
  • Anna Breitenmoser wurde enthauptet.
  • Jost Ignaz Frölin und Nicolaus Schumacher wurden gehängt.

Nur Stalders Tochter, Veronika Stalder, entging der Todesstrafe. Sie zeigte als einzige echte Reue und wurde zu lebenslanger Kettenhaft verurteilt.


Verurteilt und verschwunden

Der Scharfrichter vollstreckte die Urteile. Kaplan Spengler, der Urheber des Plans, starb später in einem Kloster in Wien im Kirchenasyl. Ludwig Ales, der Organist, verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Zwei weitere Verschwörer wurden nie gefasst: Alois Breitenmoser und die Magd Elisabeth Bachmann. Ihr Schicksal bleibt bis heute ungewiss. Man weiss nur, dass Breitenmoser früh floh und Bachmann es bis nach Mailand schaffte.


Hinweis:

Der Name des Staatsdieners Josef Anton Stalder taucht auch in der Zuger Hexenjagd von 1737 auf, als man Katharina Kalbach nach Luzern zur Befragung schickte.


Quellen:

Der Geschichtsfreund Band 15, 1859, Joseph Schneller, Stadtarchivar, die Beraubung des Staatsschatzes im Wasserthurme zu Lucern.
Aus: ETH-Bibliothek Zürich, E-Periodica, https://doi.org/10.5169/seals-111283

Der Wasserturm, Artillerieverein Luzern, ISBN 978-3-033-02478-6