Der Riese von Reiden

Vom Riesen zum Mammut: Die ganze Geschichte der Knochen von Reiden

Heute erzähle ich Ihnen eine Geschichte aus dem Luzernerland, die fast unglaublich klingt. Sie beginnt mit einem Baumsturz, führt zu einem Riesen im Rathaus und wird erst viel später von einem Gelehrten und zwei neugierigen Heimatforschern endgültig gelöst.

Und das Beste: Die ganze Geschichte steht auf einem der berühmtesten Bilder Luzerns.


Teil 1: Das Bild an der Kapellbrücke

Es ist das Bild mit der Tafel Nr. 1 auf der Kapellbrücke. Es ist das erste Giebelbild, wenn man die Brücke von der Stadttheater-Seite (linke Uferseite) her betritt. Eigentlich sollte es jeder kennen, doch es wird oft übersehen. Wenn man auf die Brücke geht, ist man meist so auf die Treppe fokussiert, dass man den Blick nicht nach oben auf das Bild richtet.
Es zeigt einen riesigen Mann mit einem Baumstamm in der Hand. Links daneben, in Rot gekleidet, steht ein normal grosser Mann zum Vergleich. 


Der Riese von Reiden, Kapellbrücke Tafel Nr. 1
Der Riese von Reiden, Kapellbrücke Tafel Nr. 1 | Bildnachweis: Zentralgut.ch


Der Bildvers verrät viel über das damalige Selbstverständnis von Luzern:

Soll der Ris der Stands-geschichten
Erster Anfang sein?
Mit nichten
War der Anfang zwergen-klein,
Risen Gross das End soll sein:

Was heisst das? Es ist eine Botschaft über die Ambitionen Luzerns. Der Vers sagt: Glaubt ja nicht, dass die Geschichte unseres Staates ("Stands-geschichten") mit diesem grossen Riesen begonnen hat. Im Gegenteil! "zwergen-klein" war unser Anfang, aber "Riesen-gross" soll unsere Zukunft (das "End") sein.


Aber das Bild erklärt auch, woher dieser Riese kam. Auf einer aufgemalten Papierrolle im Bild ist die ganze Fundgeschichte nachzulesen. 

"In dem Wiger Thal zu Reiden
Stund ein Eich auf grüner Heide;
Welche alss sie stürzte ein,
Fand Mann Rippen und Gebein.
Ungeheuer Dickh und Länge,
Dennoch nit in solcher Menge;
Dass Mann wissen könnt genau
Den gewesten Körperbau.
Die Gelehrten also fanden,
Dass ein Ris daraus Bestanden;
Dessen Höhe Zehlte wohl,
Sechzehn Werck Schuh in vier Zahl."



Teil 2: Ein Riese für die ganze Stadt

Die Geschichte ist also: 1577 stürzte bei Reiden nach einem Sturm eine Eiche um und legte riesige Knochen frei. Wie der Brücken-Vers berichtet, berechneten die ersten "Gelehrten" daraus einen Riesen von "Sechzehn Werck Schuh" (fast 5 Meter)!

Der Fund wurde sofort zur Staatssache. Eines der grössten Knochenstücke wurde feierlich nach Luzern gebracht und im Rathaus als Beweisstück ausgestellt. Die Stadt beauftragte den Maler Hans Heinrich Wägmann, den Riesen als Giebelbild und an den Rathausturm zu malen. Dort prangte er als riesiges Wandgemälde, eine Attraktion für jeden Besucher.

Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545-1614) wollte es genauer wissen und fragte den berühmten Basler Arzt Felix Platter um Rat. 1584 verkündete Platter seine eigene, noch grössere Berechnung: Der Riese müsse 5,6 Meter hoch gewesen sein!

Diese "Beweise" machten die Leute stolz, und man fühlte sich mit dem Riesen von Reiden verbunden.  Der Fund des Riesen passte perfekt zur Identifikationsfigur der Stadt: dem Wilden Mann. 
Wilde Männer symbolisierten im Spätmittelalter Stärke und Freiheit. Sie waren beliebte Figuren, da sie als unabhängige Wesen angesehen wurden, die jenseits der Fesseln der Zivilisation in der Wildnis lebten.

Als Schildhalter des Luzerner Wappens ist der Wilde Mann seit dem 15. Jahrhundert an vielen Orten sichtbar (Hotel Wilder Mann, Wilder-Mann-Brunnen, die Wandmalereien am Zeitturm und am Historischen Museum etc.). Der Riese von Reiden lieferte nun quasi den "Beweis" für diese Verbundenheit und Abstammung und festigte das Idealbild der Luzerner, die sich als wild, frei und unabhängig verstanden.


Der Riese von Reiden von Johann Leopold Cysat, Vierwaldstättersee, 1661.
Der Riese von Reiden von Johann Leopold Cysat, Vierwaldstättersee, 1661.

Selbst 1706, über 100 Jahre später, glaubte der Zürcher Forscher Johann Jakob Scheuchzer noch, dass es sich um einen Riesenmenschen handelte.


Teil 3: Ein Gelehrter löst das Rätsel (um 1799)

Mehr als 200 Jahre lang bewunderten die Menschen den Knochen im Rathaus und das Bild am Turm. Doch dann kam das Zeitalter der Aufklärung.

Die Luzerner Regierung wollte es nun genau wissen. Sie schickte einige dieser Knochen an den besten Experten der Zeit: Johann Friedrich Blumenbach, einen berühmten Gelehrten an der Universität Göttingen.

Blumenbach untersuchte die Stücke und schickte seine klare Diagnose nach Luzern: Es war kein Riese. Es war ein Mammut!

Damit war das Rätsel wissenschaftlich gelöst und "der Riese von Reiden" gilt heute als der erste wissenschaftlich anerkannte Mammutfund in der Schweiz.

(Die Gemälde am  Rathausturm verschwanden übrigens über die Jahrhunderte, als sie der Witterung zum Opfer fielen und übermalt wurden. 1924 wurden alle Bilder des Turmes mitsamt Verputz entfernt.)



Teil 4: Die verschollenen Knochen (bis 2006)

Der grosse Knochen blieb in Luzern. Aber was geschah mit den Stücken, die nach Göttingen geschickt wurden? Sie blieben dort. Im Laufe der Zeit gerieten sie in den grossen Sammlungen der Universität in Vergessenheit. Für über 200 Jahre.

Erst in unserer Zeit stiess ein Ehepaar aus Reiden, Adelheid und Ruedi Aregger beim Erforschen ihrer Heimatgeschichte auf diese alte Geschichte. Sie lasen von den Knochen, die nach Deutschland geschickt worden waren, und wollten wissen: Gibt es die heute noch?

Die beiden liessen nicht locker. Sie fingen an zu suchen, schrieben Briefe und telefonierten mit dem Geowissenschaftlichen Institut der Universität Göttingen.

Und tatsächlich! Sie spürten die über 200 Jahre lang verschollenen Knochen in den Archiven in Göttingen wieder auf.


Das glückliche Ende im Museum

Dank der Hartnäckigkeit des Ehepaars Aregger durften diese Knochen im Jahr 2006 als Leihgabe für eine gewisse Zeit wieder nach Luzern zurückkehren.

Heute können Sie alle diese Stücke bzw. Kopien im Natur-Museum Luzern bestaunen. Sie erzählen uns die wunderbare Geschichte, wie aus einem Riesen ein Mammut wurde.


Knochen des Riesen von Reiden, Natur-Musuem Luzern
Knochen des Riesen von Reiden, fotografiert im Natur-Musuem Luzern 09NOV25

  • In der Mitte: Das linke Schulterblatt vom Riesen von Reiden, eines Wollhaar-Mammuts. (Der Knochen, der Luzern nie verlassen hat.)
  • Rechts davon: Eine Kopie des rechten Schulterblattes, das Original ist in Göttingen.
  • Und Links: Eine Kopie des linken Oberarms, das Original ist in Göttingen.

Anmerkung: Das Natur-Museum, das Historische Museum und andere Originalschauplätze im Kanton Luzern sind 2024 unter dem Namen "Museum Luzern" verbunden worden.



Quellen:

Die Collectanea des Renward Cysat [C.Fol.482v], Band 4, 2. Teil, S. 679

Heinz Horat, Kunsthisoriker, Die Bilder der Kapellbrücke in Luzern, 2015, S. 11-13

Der Riese von Reiden gastiert im Naturmuseum  - Luzerner Zeitung 18. April 2015  https://da.lu.ch/-/media/DA/Dokumente/Archaeologie/Medien/K_Mammut_Knochen_im_Naturmuseum_NLZ_1804.pdf?la=de-CH

Der Riese von Reiden - Natur-Museum Luzern 01. Februar 2013
https://naturmuseum.wordpress.com/2013/02/01/der-riese-von-reiden-objekt-des-monats-februar-2013/

Kapellbrücke Luzern: Giebelbild Nr. 1 («Der Riese von Reiden»). Studium vor Ort.

Natur-Museum Luzern: Informationstafeln und Ausstellungstexte zum «Riesen von Reiden».