Das Erdweibchen und die arme Witwe

Im Tal der Hilfern, am Westhang des Schratten in der Nähe von Marbach, lebte eine arme Witwe in einem sehr kleinen und schiefen Häuschen. Oft wusste sie nicht, wie sie sich und ihre Kinder satt bekommen sollte. Im Winter stand nur eine einzige Kuh im Stall, und auf dem Dachboden lag nur ein kleiner, magerer Haufen Heu.

Eines Abends, als die Witwe die Milch für ihre Kinder wärmte, weinte sie laut über ihre Not. Da trippelte eine kleine Erdfrau herein und fragte nach dem Grund ihrer Trauer. Die Witwe erzählte dem Weibchen von ihrem Elend. Der kleine Gast versprach, sich den Winter über um die Kuh zu kümmern und dafür zu sorgen, dass genug Milch da war.


Die Witwe und das Erdweibchen, KI Visualisierung
Die Witwe und das Erdweibchen

Die Witwe musste aber versprechen, niemals, aber auch gar niemals nachzusehen, wie viel Heu noch auf dem Dachboden lag. Freudig versprach die Mutter, sich an dieses Verbot zu halten. Das kleine Erdweibchen begann sofort, Ordnung in Haus und Scheune zu schaffen.

Die Erdfrau sprach freundlich mit den Kindern. Die Kuh im Stall wurde schnell dick und glänzte vor Zufriedenheit. Sie gab sehr viel Milch und die Not der Familie war vorbei.

Schon kam der Frühling. Da konnte die Witwe nicht länger warten. Sie musste einfach einmal nachsehen, wie viel Heu noch da war. Und sie sah, dass der Heustock unversehrt war.

Als die Frau verlegen in die Stube zurück schlich, empfing sie das Erdweibchen ernst und traurig und sagte: „Jetzt muss ich wieder von hier wegziehen.“ Sie brach auf.

Sofort begann der Heustock zu schwinden, die Kuh wurde wieder mager und die Milch wurde weniger. Die kleine Erdfrau blieb verschwunden, und die alte Armut war wieder da.


Quelle: Das Erdmännchen und die Witwe aus Luzerner Sagen von Kuno Müller, S. 99 f