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Das Haus Zur Gilgen und der Baghardsturm

Wer am Schwanenplatz in Luzern steht, dem fällt sofort ein markantes Gebäudeensemble ins Auge: Das Haus „Zur Gilgen“ mit seinem charakteristischen Rundturm. Mit der Adresse Kapellplatz 1 markiert es historisch wie geografisch einen zentralen Eckpfeiler zwischen der Reuss und dem Schwanenplatz.

Zur Gilgen Haus und Baghardsturm, Martiniplan 1597
Zur Gilgen Haus und Baghardsturm, Martiniplan 1597


Von der Stadtbefestigung zum Steinhaus

Die Geschichte des Standorts reicht weit zurück. Ursprünglich stand hier der hölzerne Baghardsturm, der Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung war. Nachdem dieser im Jahr 1505 abgebrannt war, liess Melchior Zur Gilgen an derselben Stelle von 1507-1510 das heutige Haus und den Turm aus Stein errichten. Damit gilt es als das älteste, erhaltene Steinhaus der Stadt Luzern.

Der Erbauer, Melchior Zur Gilgen, war eine bedeutende Persönlichkeit seiner Zeit. Seine Karriere führte ihn vom Kämpfer im Schwabenkrieg über die Rolle eines Söldnerführers bis hin zum Gesandten der Tagsatzung. Sein Leben endete tragisch auf der Rückreise von einer Pilgerreise nach Jerusalem im Jahr 1519, als er an Malaria verstarb und in Rhodos bestattet wurde.


Architektur und Besonderheiten

Das Gebäude ist ein Paradebeispiel für die Architektur der Spätgotik. Viele Elemente, die heute dekorativ wirken, hatten ursprünglich eine rein praktische Funktion:

  • Staffelgiebel (Treppengiebel): Dieser diente ursprünglich oft als Brandmauer, die über das Dach hinausragte, um das Übergreifen von Feuer auf Nachbarhäuser zu verhindern. In der Gotik wurde diese Funktion zum Gestaltungselement erhoben; die Treppenform betont die Vertikale.

  • Gotische Fenstergruppen: Die sogenannten Staffelfenster (Stufenfenster) prägen die Fassade.

  • Der Turm und seine Scharten: Als Teil der ehemaligen Wasserbefestigung verfügt der Rundturm über Schiessscharten, so genannte Maulscharten. Diese dienten der Verteidigung gegen Angriffe vom Fluss und See aus; ihre tiefe Position erklärt sich durch das ursprüngliche Geländeniveau direkt Wasser, bevor die heutigen Aufschüttungen erfolgten.

  • Hauskapelle: Im Inneren des Turms befindet sich eine Kapelle, die durch ein gotisches Rippengewölbe besticht.

  • Steile Satteldächer: Sowohl das Haupthaus als auch der Turm verfügen über extrem steile Dächer. Dies entsprach dem gotischen Ideal, so hoch wie möglich zu bauen, um symbolisch „dem Himmel näher zu sein“.

Zudem beherbergt das Haus die älteste an Ort und Stelle erhaltene Privatbibliothek der Schweiz.


Zur Gilgen Haus und Turm, Schwanenplatz Luzern
Zur Gilgen Haus und Turm, Schwanenplatz Luzern


Wandel durch die Jahrhunderte

Das Haus blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Nach dem Tod des Erbauers wurde es zunächst verkauft, jedoch 1571 von Ludwig Zur Gilgen für die Familie zurückerworben.

Ein entscheidender Wendepunkt war das Jahr 1681, als das Anwesen in ein Fideikommiss umgewandelt wurde. Dabei handelt es sich um ein historisches Rechtsinstrument, bei dem das Familienvermögen als unteilbare Einheit stets an den ältesten Sohn weitergegeben wurde, um den Besitz über Generationen hinweg zu sichern.

Im Laufe der Zeit passte sich das Gebäude dem Zeitgeist an:

  • 1732: Renovierung im Barockstil (wobei der Turm seine alte Pracht behielt).

  • 1830–1836: Sitz der päpstlichen Nuntiatur.

  • Spätere Nutzung: Das Haus diente zeitweise als Fremdenpension und beherbergte prominente Gäste wie den Schriftsteller Victor Hugo.


Die heutige Stiftung

Da direkte Nachkommen fehlten, wurde das Fideikommiss im Jahr 2013 aufgelöst und das Anwesen in die Stiftung «Haus und Turm Gilgen» überführt, unter dem Präsidium von Ulrich Zur Gilgen, dem ehemaligen Fideikommissar. 

Die Stiftung sichert eine langfristige Pflege des Erbes der Familie Zur Gilgen und seiner Bedeutung für das Luzerner Stadtbild. Gemäss dem Stiftungszweck besteht zudem die Aussicht, dass Haus und Turm in Zukunft allenfalls der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnten, womit dieses historische Juwel für alle erlebbar würde. 


Bildbetrachtung (Detailansicht Turm)


Schiessscharten, ein Biforium und Zangenlöcher, Zur Gilgen Turm
Schiessscharten, ein Biforium und Zangenlöcher, Zur Gilgen Turm


Oben: Das edle, romanische Zwillingsfenster Das Fenster mit der Mittelsäule nennt man Biforium. Es sieht aus wie aus der Zeit um 1200,  Man hat es beim Neubau nach 1505 vielleicht als Schmuckstück eingebaut, um dem Turm ein ehrwürdiges Aussehen zu geben. Es zeigt, dass der Turm auch als schöner Wohnraum genutzt wurde.


Unten: Die Schiessscharten. Die breiten Öffnungen am Boden sind Maulscharten. Sie wurden für frühe Schusswaffen gebaut. Dass sie heute so tief sitzen, hat einen Grund: Der Turm stand früher direkt am Wasser der Reuss. So konnten die Wächter flach über den Fluss schiessen, um angreifende Boote direkt an der Wasserlinie zu treffen.


An den Steinen: Die Zangenlöcher In den grossen Steinblöcken sieht man kleine Löcher. Hier setzte die Steinzange an. Mit ihr wurden die tonnenschweren Steine mit einem Tretkran hochgehoben und genau an ihren Platz gesetzt.



Über dem Portal des Hauses Zur Gilgen befindet sich eine reich verzierte Supraporte mit dem Familienwappen der Zur Gilgen, flankiert von zwei weibliche Figuren als Säulen (Karyatiden)
Über dem Portal des Hauses Zur Gilgen befindet sich eine reich verzierte Supraporte mit dem Familienwappen der Zur Gilgen, flankiert von zwei weibliche Figuren als Säulen (Karyatiden).



Quellen:

Historisches Lexikon Schweiz:
Zur Gilgen, Melchior: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014132/2014-02-24/
Zur Gilgen: https://hls-dhs-dss.ch/articles/022219/2015-11-17/

Christian Hodel, Fehlende Erben – Stiftung sorgt nun für Zurgilgenhaus, Luzerner Zeitung, 22. Mai 2015. https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/luzern/stadt-luzern-fehlende-erben-stiftung-sorgt-nun-fuer-zurgilgenhaus-ld.8857

Wikipedia, Haus Zur Gilgen: https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_Zur_Gilgen

sowie eigene Recherchen.