Die Geschichte vom Türst (Text und Video)

Die Geschichte vom Türst, so wie sie Nachtwächter Ralf erzählt (als Text und Video).

Auf den Höhen des Pilatus haust ein Gespenst, ein halb «Wilder Mann», «halb Geist», «halb Krieger», «halb Gott». Er macht den Sennen ganz viel Mühe und belästigt das Vieh auf viele Arten. Seine Gewalt ist besonders gross, wenn die Hirten vom gottesfürchtigen Lebenswandel abweichen. Er ist ein höllischer Jäger und heisst der «Türst».


Die Geschichte vom Türst, als Video auf Schweizerdeutsch erzählt (auch für Kinder).



Der Türst rüstet sich bei Anbruch der Nacht zur Jagd und treibt das arme Vieh vor sich her. Er erschreckt und verwirrt die Herden, so dass die Kühe ziellos durcheinander rennen und manchmal bis ins Tal springen und von den Hirten dann mühsam wieder hochgetrieben werden müssen. Lange Zeit bleiben die Kühe dann ohne Milch.

Wenn der Geist naht, bläst er ein mächtiges Jagdhorn und die Tiere, die seinen Ton vernehmen müssen alle herkommen und vor ihm erscheinen. Oft führt er eine Meute höllischer Hunde mit sich. Das sind alles Hunde auf drei Beinen. Jedem Hund fehlt ein Bein.

Zuvorderst bei der Meute ist ein ganz grosser Hund, der Leithund. Er hat nur ein Auge mitten auf der Stirn. Er springt voraus und die ganze Meute hinterher. Die Hunde stolpern und fallen ständig um, weil Sie nur drei Beine haben. Und mittendrin ist der Türst, halb Jäger, halb Geist, halb Gespenst, halb Krieger.

Das bellen der Hunde klingt hohl, dumpf und unnatürlich. Es macht dem Vieh Angst, so dass es sich fürchtet und erschrocken den Menschen zuläuft. Die Hirten haben ganz viel Arbeit, wenn der Türst da ist. Das passiert auf den Pilatus Alpen, auf den Matten des Pilatus.

Im Winter, wenn es kalt wird, zieht der Türst mit seiner Meute manchmal bis in die Täler.
In den Luzerner Gemeinden, in den Schweizer Gemeinden überhaupt, hat es überall neben den Wegen bei den Gemeindegrenzen sogenannte Wegkreuze. Die Wegkreuze sind da, um das Böse abzuhalten, so dass der Teufel und auch der Türst nicht in die Gemeinde kommen kann. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Wegkreuze erhalten bleiben. Sie grenzen das Böse ab, so dass es nicht in die Gemeinden kommen kann.

Manchmal kommt der Türst bis nach Luzern. Es wird berichtet, dass wenn es ganz kalt ist und der Wind durch die Gassen bläst, solle man auf der Hut sein und horchen, denn der Türst macht sich bemerkbar. Er ruft: «Aus dem Weg, aus dem Weg, drei Schritte zur Seite, oder auch nicht!»

Dann muss man sofort drei Schritte rechts zur Seite stehen, denn dann kommt der Türst mit seiner Meute und jagt vorbei. Wer dann nicht aus dem Weg geht wird sofort in einen dreibeinigen Hund verwandelt und muss bis in alle Ewigkeit mit dem Türst mitspringen.

In der Meute gibt es grosse und kleine Hunde, zuvorderst der Leithund mit nur einem Auge. Die ganz kleinen Hunde können manchmal nicht mitzuhalten und bleiben zurück. Es wird berichtet, dass der Türst einmal mit seiner Meute bei der Peterskapelle um die Ecke kam und da war ein kleines Hündchen, das stolperte ständig und blieb zurück. Der Türst mit seiner Meute war längst fort und das kleine Hündchen jaulte.

Da bekam der Sakristan der Peterskapelle Mitleid mit dem Hündchen und nahm es zu sich ins Haus. Er gab ihm zu essen und er gab ihm zu trinken. Das Hündchen hat den Tag im Hause des Sakristans verbracht.

Aber am Abend beim Einfinstern ist plötzlich ein Riesengetümmel auf dem Platz vor der Peterskapelle losgegangen. Hunde haben gebellt und es herrschte ein lautes Geschrei und plötzlich klopfte es an die Tür.
Der Sakristan dachte: «Wer mag das wohl sein?»
Er öffnet die Tür und vor ihm steht der ganz grosse Hund mit nur einem Auge auf der Stirn und sagt: «Gib uns den Gregorli raus, gib uns den Gregorli raus. Wir tun dir nichts. Du warst gut zu Gregorli. Du gabst ihm zu essen und du gabst ihm zu trinken. Deshalb tun wir dir nichts. Aber gib uns jetzt den Gregorli raus.»
Der Sakristar nahm das Hündchen auf und reichte es zur Haustüre heraus und der Türst und seine Meute zogen davon.

Das ist die Geschichte vom Türst.


Originalquelle: Luzerner Sagen, gesammelt und erzählt von Kuno Müller (teilweise leicht abgeändert von Nachtwächter Ralf)

Siehe auch: Wer ist der Türst? (Begriffserklärung)